Mit der Bhagavadgita auf Sansibar

Seit fast zwei Monaten lebe ich nun schon auf Sansibar, einer Insel im Indischen Ozean, die man ohne zu übertreiben als paradiesisch bezeichnen kann. Üppige, an Goa erinnernde Vegetation im Landesinnern, lange und breite Sandstrände rund um die Insel herum und entspannte Menschen, die Fremden überaus freundlich begegnen. Größere Hotels für Pauschaltouristen finden sich nur in Nungwi im Nordwesten und in Kiwenga im Osten der Insel.  An den endlosen Stränden Sansibars sind sonst eher kleine, strohdachgedeckte  Boutique-Hotels üblich, ideal für Individualtouristen.

Mein Lieblingsstrand ist Jambiani, der vor dem sieben Kilometer langen gleichnamigen Fischerdorf liegt. Im Gegensatz zum Nachbarort Paje, in dem Kitesurfer und Partypeople ihr Paradies finden, begegnet man hier am Strand nur wenigen anderen Touristen, während parallel dazu das Leben der Fischer und Ihrer Frauen, die Seegras anbauen, seinen gemächlichen Gang geht.

Als ich am 11. September im Rahmen einer Pressereise nach Safaris durch die Serengeti und Tarangire Nationalparks nach Sansibar kam, wollte ich eigentlich nur einen Monat Strandurlaub nach einem anstrengenden halben Jahr machen, in dem ich viel in meinem Leben verändert hatte.

Angesichts drastisch steigender Coronazahlen in Deutschland entschloss ich mich drei Tage vor meinem Rückflug spontan umzubuchen und erst einmal hier zu bleiben. Aus dem erstmal sind inzwischen sechs weitere Wochen geworden und momentan sieht es so aus, als könnten daraus gut und gerne vier noch weitere Monate werden.

Ich wohne in einem einfachen, kleinen Zimmer mit Bad im „Baumhaus“, wie ich es nenne, weil es auf einer Höhe mit den Kokosnüssen einer mächtigen Palme liegt, deren Zweige mir sanften Wind zufächeln, während ich auf dem Balkon sitze und schreibe, wobei ich den Blick immer wieder auf das phantastische Farbenspiel des Meeres richte, das abhängig von Sonne, Wolken und Tide in fifty shades of blue and green changiert. Der Indische Ozean ist hier wirklich von atemberaubender Schönheit und ich werde nie müde, ihn anzuschauen.

Früh morgen, wenn es noch nicht so heiß ist oder aber am späten Nachmittag walke ich am breiten und endlos weiten Strand entlang, der jetzt zu Corona-Zeiten mehr als sonst den Einheimischen, Fischern,  ihren Seegras erntenden Frauen und am Abend Kindern und Jugendlichen beim Fußballspiel gehört.

Ich fotografiere das Meer, das sich bei Ebbe Hunderte von Metern zurückzieht und bei Flut mit diesem unglaublichen Farben-Flash zurückkommt, den ich so noch nirgendwo auf der Welt gesehen habe. Wenn es das etwas wackelige Internet zulässt, poste ich Fotos von diesem Naturschauspiel auf WhatsApp, Instagram und Facebook, in der Hoffnung, damit meine Familie und Freunde in Deutschland aufzumuntern – ob das so klappt, weiß ich nicht, vielleicht provoziert es ja auch Trauer darüber, selbst nicht reisen zu können, oder nicht zu können glauben.

Vor allem der Flug scheint für viele ein Risiko zu bergen, aber so habe ich es nicht erlebt. Auf einem von Frankfurt bis Doha nur zu einem Sechstel belegten Qatar-Flug mussten wir – außer zu den Mahlzeiten – die ganze Zeit Mundschutz und Gesichtshelm tragen, was mir ein deutliches Gefühl der Sicherheit vermittelte.

Ich betrachte es tatsächlich als Geschenk des Himmels, in dieser paradiesischen Umgebung zu leben und versuche mir dessen täglich bewusst sein, denn man gewöhnt sich ja bekanntlich schnell an glückliche Zeiten, hält sie irgendwann für normal und glaubt schließlich sogar, ein Anrecht auf ihre Fortdauer zu haben.

Häufig beobachte ich die Frauen, die bei Ebbe, wenn sich das Meer unendlich weit zurückzieht, ihre Seegrasfelder bestellen. Bei auflaufendem Wasser wandern sie würdevoll und gemächlichen Schrittes, schwere Säcke voller Seegras auf ihren Köpfen balancierend zurück. Das Seegras wird nach China exportiert, wo es zu kosmetischen Produkten weiter verarbeitet wird. Needless to say, dass die Frauen für diese Arbeit – bei der sie oft fröhlich schwatzend im knietiefen Wasser sitzen –  nur einen Hungerlohn kassieren.

Ich lese mit Begeisterung die BhagavadGita, eines der ältesten Schriftstücke der Menschheit. Unendlich weise und schön – früher in ihr zu lesen hätte mir viele esoterische Irrwege erspart. Mahatma Ghandi las jeden Tag in der BhagavadGita, sie war seine Bibel und  inspirierte auch seinen gewaltlosen Widerstand.

Letztlich geht es – wie im später entstandenen Buddhismus – darum, die Anhaftung loszulassen, nicht nur an Materielles, sondern auch an die „Früchte der eigenen Handlungen“. Tun ohne „um zu“ sozusagen.

Wenn die Handlungen eines Menschen nicht auf dem Wunsch nach persönlicher Belohnung basieren, kann der Betreffende sein Denken müheloser beruhigen und auf den Atman, das wahre innere Selbst, ausrichten.

So heißt es in einer neuen, sehr leicht zu lesenden Version der BhagavadGita von Jack Hawley (Hrsg), die bei Goldmann TB erschienen ist. Ewige Weisheiten, die wir aus unserem religiösen Blickwinkel eigentlich kennen und ich frage mich manchmal, wieso sie so in Vergessenheit geraten sind, jedenfalls werden sie selten kommuniziert.

It’s all about Greed …

Begierde ist diese schreckliche Kraft, die an dir zerrt- egoistische Begierde, die aus deiner am Handeln orientierten Natur aufsteigt. Egoistische Begierden sind unersättlich: je mehr Nahrung du ihnen gibst, desto mehr davon ersehnen sie … Begierden sagen nie: „Es reicht.“ Und Zorn ist immer mit Begierden verbunden, und Zorn richtet alles zugrunde. Dieses Paar von Begierde und Zorn ist dein grässlichster, gefährlichster Feind hier auf Erden. (ebd)

Was sonst? Ich versuche, mein Geld so auszugeben, dass die (nach unseren Maßstäben) extrem arme Dorfbewohner von Jambiani davon profitiert, kaufe Fladenbrot, Bananen und Schokolade in den Dorfläden, lasse meine Kleidung  beim Schneider des Dorfes ändern, mit dem ich zur Abwechslung mal Französisch sprechen kann, denn er kommt aus dem Kongo. Ein Massai-Mädchen aus dem Nachbarort Paje repariert mir meinen  Modeschmuck oder arbeitet ihn phantasievoll um. Ich benutze Taxis, um von Jambiani nach Paje oder nach Stonetown zu fahren, 15 Euro für eineinhalb Stunden sorglose Fahrt auf den herausfordernden Straßen Sansibars mit ihren vielen Schlaglöchern ist ein fairer Preis und ernährt eine Familie.

Auch wenn es wie ein Klischee klingt – traurig oder unglücklich habe ich trotz großer Armut und für unsere Begriffe katastrophaler Wohnverhältnisse hier kaum je einen Menschen gesehen, wozu auch? Das Leben spielt sich im Freien, in einer paradiesischen Umgebung  und immer in Gemeinschaft ab, es gibt am Strand weiten Raum für körperliche Bewegung aller Art, von der die Kinder, anders als bei uns, wo es meistens aus Schutzgründen geschieht auch nicht abgehalten werden. Dass Armut keineswegs deckungsgleich mit Unglücklich sein ist,  wird mir hier durch die heiteren Sansibaris täglich vor Augen geführt und ich lerne langsam, anspruchsloser und entspannter zu sein.

„Pole pole“ was so viel wie „immer mit der Ruhe“ heißt, anstatt „haraka haraka –schnell, schnell!“ Als zeitoptimierend denkender Nordeuropäer wird man hier ganz schön ausgebremst, für Ungeduld und Hektik hat hier kaum jemand Verständnis. Wer Anzeichen von Stress zeigt, wird von tiefenentspannten Tansaniern sofort besorgt gefragt: „Are you okay?“.

„Hakuna Matata – no problem“  ist hier keine kitschige Phrase aus dem Dschungelbuch, sondern gelebtes Mantra. Für jedes Problem gibt es bei entspannter Betrachtung eine Lösung, und viele lösen sich auch von selbst, indem man einfach … gar nichts tut.

Und einfach nur die Kokosnüsse in den Palmen und den Mond betrachtet …

USA vor 50 Jahren – aus dem Blickwinkel einer 16jährigen Austauschschülerin

1971 ging ich für ein Jahr als Austauschschülerin in die USA, nach Fresno, Kalifornien. Ich war eine von zwei Schülerinnen meines Jahrgangs, die sich damals traute, über den „großen Teich“ zu fliegen, um ein Jahr  in einer typischen Middle Class Family zu leben und dort den American Way of Life kennen zu lernen, der uns in Deutschland damals sehr beeindruckte.

Mich auch – um es gleich vorwegzunehmen, auch wenn mir die Schattenseiten des American Lifestyle schnell deutlich wurden. Um meine vielen neuen Eindrücke beim Eintauchen in eine fremde Kultur zu verarbeiten, schrieb ich damals eine Art Scrapbook, illustriert mit Zeitungsausschnitten, das ich erst kürzlich beim Aufräumen wieder entdeckte. Es beginnt mit der Feststellung:

„Riesenautos – wie überhaupt alles hier riesig zu sein scheint!“

Gleich am ersten Tag nahm meine amerikanische Mom mich im airconditoned Big Car in ihre „Gym“ mit – ich fand es unglaublich trendy. Besonders gefiel mir eine elektrische Schüttelmaschine mit dazu gehörigem Trainingsgürtel, den man sich um Bauch, Hüften oder Oberschenkel schnallte, um so Problemzonen mühelos und ohne eigenen körperlichen Einsatz eliminieren.

The easy American way of life!

Während wir in Europa uns noch physisch an der Realität abarbeiteten, funktionierte in den USA bereits das Meiste auf Knopfdruck. Es war augenfällig, dass die selbstverständliche Nutzung all dieser technischen Errungenschaften eine enorme Bequemlichkeit mit sich brachte, auch physische. Noch nie zuvor hatte ich so viele übergewichtige Kinder, Jugendliche und Erwachsene gesehen, in meiner Highschool war geschätzt jede/r fünfte Schüler/in zu dick.

Supermärkte mit zwanzig Meter langen Regalreihen, allein für Vier-Lter-Packungen Icecream in exotischen Sorten wie Pfefferminz, Cashew oder Marshmellow – verführerisch und köstlich, aber in diesen Quantitäten  völlig überdimensioniert, fand ich.

Vieles ist vorgekocht, tiefgekühlt oder in Dosen, sodass es die Hausfrau echt einfach haben kann, wenn sie will! (UND SIE WILL!) Das schlimmste sind die dauernden Snacks. Jeder zweite scheint „on a diet“ zu sein.“

Ich selbst auch irgendwann – Candybars, Icecream, allzu viele Besuche bei McDonalds nach der Schule und vor allem die liebgewonnenen und, wie ich später erfuhr, süchtigmachenden Softdrinks blieben nicht ohne Wirkung. Nach einem Jahr hatte ich zehn Kilo zugenommen, das passierte fast allen Austauschschülern. Der Vielfalt von verführerisch überzuckertem Fast Food waren wir einfach hilflos ausgeliefert, wir waren es einfach nicht gewohnt, denn Süßigkeiten aßen wir zuhause nur um Weihnachten und Ostern herum, ansonsten war zu viel Süßes als Dickmacher verpönt. Heute ist auch bei uns jedes dritte Kind übergewichtig …

„Mom verbringt ihre Zeit damit, in kirchlichem Social Life mitzuwirken – Dinners vorzubereiten und Meeting zu planen. Außerdem werden jeden Tag die Zeitungen nach Sonderangeboten jeglicher Art studiert.“

Zeitungen voller Werbeinserate für Sonderangebote gab es in Deutschland in den 70er Jahren meines Wissens noch nicht, heute gehört deren gewissenhaftes Studium ebenso wie akribische Preisvergleiche im Internet auch bei uns zur Normalität, wie so vieles, was wir kritiklos von den Amerikanern übernommen haben. Ich fand es schon damals sehr time-killing.

„Wie in dem reichsten Land der Welt nicht anders zu erwarten, kauft jeder viel, oft und gern. Sparen kennen die meisten Menschen hier nicht. Warum auch? Man kauft auf Kredit oder Abzahlung (so werden übrigens auch Häuser gekauft – man zahlt monatlich!). Man erzählte mir, dass die U.S. gerade  einer Periode des Sparens sind. Und ich weiß, dass meine Familie hier mehr als doppelt so viel Geld für kleine Dinge ausgibt als meine Familie in Deutschland. Was nennen die denn SPAREN??“

Gleich am Anfang kaufte ich mir in einer Shopping Mall eine Perücke. Warum? Ich weiß es nicht. Weil sie mir gefiel und die zuhause übliche Kaufhemmung unnötiger Anschaffungen in der Glitzerwelt der Shopping Malls mit ihrer betörenden Musik wie weg geblasen war. Wenn meiner Mom, mit der ich solche Streifzüge gern unternahm, sich einmal gegen den Kauf eines Produktes entschied, erklärte sie hinterher: „It didn’t say: Buy me!“

„Der ganze amerikanische Lebensstil ist weitgehend dem Zeitalter der fortgeschrittenen Technologie und des Spätkapitalismus angepasst. Es wird mehr auf Zweckmäßigkeit als auf Schönheit oder andere typisch europäische Standards geachtet. Im Auto kann man bequem  und schnell seinen Hamburger essen. Auf Partys erweisen sich Pappteller als arbeitssparend – also benutzt man sie. Technologischer Fortschritt kann das Leben hier relativ faul machen. Vieles geschieht auf Kopfdruck – the easy american way … Vieles kommt mir vor, wie in den Zukunftsromanen, die ich gelesen habe… fehlt nur noch der Roboter!“

„Da Amerika ein Melting Pot vieler Nationen ist, sind viele Kulturen zusammen gemischt worden. Das Resultat war keine einheitliche Kultur, sondern eine dauernd im Wandel begriffene Welt. Obwohl Amerikaner zweifellos stolz darauf sind, Amerikaner zu sein, betonen sie gern ihren europäischen Background („I am German too, my grandfather was German“), ohne den blassesten Schimmer von dem Land ihrer Vorfahren zu haben.

Manchmal kommt es mir vor, als ob sich die Amerikaner mittels Geld eine Ersatzkultur geschaffen haben: Man kann die unbeschreibliche Großzügigkeit der Amerikaner sowie ihr Streben nach Größe als Mittel sehen, das über einen Mangel an Kultur hinwegtäuschen soll. Überzogen ausgedrückt könnte man sagen, dass im Unterbewusstsein der Amerikaner ein gewisser Minderwertigkeitskomplex gegenüber kulturbetonten Nationen verankert ist.“

Eine gewagte Behauptung – aber vielleicht ist an ihr doch etwas dran?

Die Schule tut viel für die Freizeitgestaltung der Jugendlichen Konzerte, Theater, Tanz- und andere sportliche Veranstaltungen – wobei ich manche dieser Unternehmungen ein bisschen lächerlich finde, wie zum Beispiel das „Cheerleading“ der Pep-Girls bei Football-Games. Ich glaube, dass die Schüler dadurch zu KONFORISMUS und NATIONALISMUS angeleitet werden.“

„An den Schulen der Westküste, die integriert sind, halten sich Schwarze und Weiße noch größtenteils für sich und heiraten auch selten untereinander. An der Ostküste und weiter nördlich mag sich das Bild ein bisschen verändern, aber nichts kann über die Tatsache hinwegtäuschen, dass viele Menschen immer noch VÖLLIG unbegründete Vorurteile haben und die Integration noch immer nicht ausreichend erreicht ist, auch wenn verschiedene Fernsehsendungen (wie Room 222) einem das fröhliche und freundschaftliche Verhältnis aller Schwarzen und Weißen vorgaukeln wollen.

Überhaupt hat die amerikanische Gesellschaft die Tendenz, Minderheitsgruppen zu unterdrücken und mit Vorurteilen zu belasten. Man sagt beispielsweise, dass die meisten Verbrechen von Schwarzen und Mexikanern begangen werden. Ich halte das für zweifelhaft – sollte es aber wahr sein, ist das nicht erstaunlich, denn Schwarze und Mexikaner stellen die ärmeren Bevölkerungsschichten dar und zwar teilweise aufgrund der Tatsache, dass sie benachteiligt werden, wenn es darum geht, Jobs zu bekommen- und die Armut zwingt oder zumindest verleitet sie zu mehr Verbrechen. (Dasselbe gilt für Weiße, aber es gibt eben mehr arme Farbige als arme Weiße.) Überhaupt sind Verbrechen in riesiges Problem in Amerika – ich schätze, dass die Quote hier fünfmal so hoch liegt wie in Deutschland. Auch in den Schulen wird viel gestohlen, man kann seine Handtasche nirgendwo für eine Minute herumliegen lassen – oder sie ist weg.

Das erstaunte mich sehr – es passte so gar nicht zu der positiven Glitzerwelt, die in Malls und Medien ausgestrahlt wurde. Später las ich in einem der Bücher des US-Sozialökonomen Jeremy Rifkin eine naheliegende Erklärung. Da die USA kein effizientes Sozialsystem aufgebaut hätten, um Menschen aufzufangen, sei die Verbrechensquote so hoch und die fehlende Sozialarbeit letztlich an die Gefängnisse delegiert.

Amerika besteht, wie jeder weiß, aus einer sehr breiten, zufriedenen Mittelschicht (die allen Grund hat, zufrieden zu sein) und einer Schicht Superreicher sowie einer Schicht eher Armer, die sich selbst aber lieber zur Mittelschicht zählen würden, denn es ist eine „Schande“ arm zu sein – im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wo jeder eine Chance hat…

Aber der Mittelschicht geht es teilweise so gut wie in Deutschland den oberen Schichten und gewiss besser als der deutschen Mittelschicht (das mag auch ein Grund für ihr politische Desinteresse sein sein).“

„Es stört die Mittelschicht auch nicht, dass die Reichen reicher und die Armen ärmer werden und dass sich in der Steuergesetzgebung unzählige „Loopholes“ für die großen Unternehmen (vor allem Erdölkonzerne) finden und ebenso wenig, dass sie selbst, alles zusammengerechnet, 40 Prozent Steuern zahlen (mit Salestax etc) und die Superreichen nur zehn Prozent oder weniger, manchmal auch gar keine. Solange die breite Mittelschicht drei bis vier Autos, zwei bis drei TVs und rund acht Radios hat, wird es sie auch nicht weiter bekümmern.“

Jahrzehnte später fand ich bei Recherchen zu meinem Buch „Weniger ist mehr – zurück zum eigenen Maß“ auf YouTube einige bemerkenswerte  Videos zur Entwicklung des amerikanischen Kapitalismus seit den 1920er Jahren. Geschockt durch die russische Revolution, die zeigte, wie schnell Massenbewegungen zum Umsturz eines Systems fähig waren, und voller Furcht, der Kommunismus könne auch Amerika erreichen,  verfolgten damals konservative Politiker im Einklang mit Großkonzernen und Propaganda (wie Werbung damals noch hieß) das erklärte Ziel, aus mündigen Bürgern bequeme Konsumenten zu machen, die mit einem Überangebot immer neuer Waren leicht zu verlocken und zu manipulieren waren und die darüber langsam jegliches politisches Interesse verloren. Der kapitalismuskritische Psychoanalytiker Erich Fromm hat diese Haltungin Büchern undVideos hart kritisiert, die Menschen würden durch fortwährenden, nie wirklich befriedigenden Konsum zu ewigen „Säuglingen“.

„Der Fernseher läuft den ganzen Tag – es gibt mehr Shows und Unterhaltungsprogramme als in Deutschland, die auf sieben oder acht Kanälen ausgestrahlt werden. Ebenso wie Gas und Telefon ist das Fernsehen privat und bekommt Geld durch die zahlreichen Commercials, die dauernd das Programm unterbrechen.“

Ich habe mich in den letzten Jahrzehnten  häufiger gefragt, warum wir seit Jahrzehnten so unbeirrt dem amerikanischen Lifestyle nacheiferten, und unsere eigenen kulturellen Errungenschaften so gering zu schätzen begannen – bis hin zur Nachahmung eines teilweise unterirdischen TV-Programms mit albernen Reality- und Game-Shows, für die sich auch Prominente aus Gründen der Publicity gern hergeben. 

…wird es interessant. Amerikanische Jugendliche trinken nicht gesellschaftlich, sondern „to get drunk“

„Das Wahlsystem ist für Betrügereien sehr anfällig, da die Wahlmänner die ihnen anvertrauten Stimmen oft nach eigenem Gutdünken ausgeben. Wenn ein Politiker gute Beziehungen und Geld hat, ist ihm die Präsidentschaft so gut wie sicher. Geldgeber sind oft große Companies, die im Gegenzug den Kandidaten nach ihren Plänen beeinflussen können. Das ist nicht aus der Luft gegriffen!

Politischer Protest findet hier kaum statt – ein Zeichen dafür, dass Amerikas Regierung trotz aller Probleme doch die Notwendigkeiten seiner People trifft und in ausreichendem Maße erfüllt. Regelrecht Radikale scheint es hier nur wenige zu geben – vielleicht liegt es daran, dass „Freedom of Speach doch nicht so ganz verbreitet zu sein scheint. Zum Beispiel ist die Kommunistische Partei hier verboten worden.

Und wenn Protestmärsche doch stattfinden, laufen sie oft Gefahr, von Polizisten, die „tough“ sind, abgebrochen zu werden, weil zu viele Menschen angeblich Verstopfungen der Straßen verursachen.

Meine Eindrücke sind natürlich bruchstückhaft, entstanden nach vielen Gesprächen mit Menschen unterschiedlichen Alters, Einkommensklassen und Kulturen… Trotz seiner negativen Seiten ist es dennoch ein wunderbares Land, man muss es gesehen haben, um das zu verstehen.

Mit diesen enthusiastischen Worten beendete ich meine Betrachtungen damals. Wenn ich sie heute lese, bin ich überrascht, wie klar ich die Schattenseiten des American Dreams mit 16 Jahren gesehen habe. Schon damals wünschte ich mir, dieser „Traumwelt“ nicht in jeder Beziehung nachzueifern, die mir in vieler Hinsicht zu übertrieben erschien, auch gar nicht passend zu einem europäischen Land mit ganz anderen Werten. Old Europe eben! Diese von Ex-US-Verteidigungsminister 2003 eher abwertend gemeinte Bezeichnung Europas gefiel mir auf Anhieb. Ich schätze unseren kulturellen Background sehr, unsere Geistesgeschichte, mit ihrem Humanismus und Idealismus. Ich wünschte, wir wären uns dieses Schatzes stärker bewusst.

@Catharina Aanderud, 31. Oktober 2020

Lets talk about Greed…

… auch wenn das Thema nicht gerade sexy ist. Und doch ist es eines der fundamentalen Prinzipien, auf denen der moderne Kapitalismus aufgebaut ist. „Mehr haben, mehr kaufen – mehr Sein“ lautet die implizite Glücksformel dieses Systems, die uns zunehmend in die Irre führt und zu suchtartigem Verlangen nach immer „more of the same“ verleitet.

Gier ist die Kernkompetenz, mit der wir es geschafft haben, unseren Planeten sehenden Auges und wider besseres Wissen zu Grunde zu richten. Und ein Ende ist nicht wirklich in Sicht – allen guten Bemühungen und vielfältigen Gegenbestrebungen zum Trotz. Eine wachstumsgesteuerte Ökonomie kennt kein Genug. Aus gutem Grund wurde Gier in der Bibel als eine der sieben Todsünden der Menschheit bezeichnet, im Buddhismus gilt sie neben Unwissenheit und Hass als Hauptursache menschlichen Unglücks, auch wenn die Werbung immer noch hartnäckig versucht, uns vom Gegenteil zu überzeugen. Der Zustand unseres Planeten zeigt spricht eine deutliche Sprache, wohin uns das immer Mehr haben wollen gebracht hat. Brennende Regenwälder – nie hätte ich gedacht, dass ich so etwas einmal erleben würde, in der Schule haben wir alle gelernt dass der Amazonas-Regenwald die grüne Lunge der Erde ist. Unantastbar eigentlich, es sei denn, das Schicksal kommender Generationen ist einem völlig egal.

Nach meiner Beobachtung ist Gier dort am geringsten ausgeprägt, wo Menschen in so großer Armut leben, dass sie sich ein besseres Leben kaum vorstellen können (und wo das miteinander Teilen des Wenigen, was da ist selbstverständlich ist).

Jugendliche in Soweto/Johannesburg  – arm, aber nie allein

„Natürlich versucht jeder Mensch, sein Leben zu verbessern“, sagte Jamal, ein Beduine, der aus einem bitterarmen Dorf am Rand der Sahara kam. „Aber Dinge zu begehren, die bei nüchterner Einschätzung der eigenen Möglichkeiten völlig unerreichbar sind, macht keinen Sinn und würde uns nur unglücklich machen.“

Vor allem Menschen, die kaum Zugang zu elektronischen Medien haben, die ihnen ein (vermeintlich besseres) Leben in größerem Wohlstand vor Augen führen könnten, sind – sofern sie nicht Hunger leiden – meist entspannter als ein gesettelter Europäer – und ohne mediale Beeinflussung wären sie wohl auch kaum bereit, diese innere Gelassenheit aufzugeben. Ist die Büchse der Pandora allerdings einmal geöffnet, entfalten sich Konsumwünsche oft exponentiell.

In den 70er Jahren fuhr ich mit einem entfernten brasilianischen Vetter durch das nächtliche Rio. Während er alle roten Ampeln überfuhr, weil kaum Verkehr herrschte, kamen wir ins Gespräch über die Farvellas, in denen ein Onkel von ihm seit Jahren lebte. Er war Maler und ihm gefiel das einfache Leben dort. Was man denn für die Entwicklung der Slum tun könne, wollte ich wissen.

„Wir müssten viel mehr Fernseher dort verkaufen, damit die Menschen mit den Konsumgütern dieser Welt in Kontakt kommen“, sagte er.  „Aber die Leute in Farvellas können sich so etwas leider nicht leisten“, sagte er.

Dass erst grundlegendere Probleme eines menschenwürdigen Daseins wie der Zugang zu sauberem Trinkwasser und Gesundheitsfürsorge gelöst werden müssten, spielte bislang im ökonomischen Denken keine Rolle, denn dort galt  der Mensch nicht als Mittelpunkt der Betrachtungen war sondern als Mittel. Punkt.

Vielleicht ändert sich durch die Lehren des Lockdowns mit seinem erzwungenen Konsumverzicht und der Möglichkeit für jeden von uns, sich darauf zu besinnen, was für ihn im Leben eigentlich wichtig ist. Es sind doch wohl unsere Beziehungen zu Familie und Freunden – alles andere ist, wenn grundlegende Bedürfnisse befriedigt sind, nur noch nice to have aber keineswegs unabdingbar. Zumal unser Wohlstand bekanntlich auf der bleibenden Armut des größten Teils der Weltbevölkerung aufbaut, ob wir es wollen oder nicht, ob wir es verdrängen oder nicht spielt dabei keine Rolle, es bleibt ein Faktum.

Wir wissen inzwischen, dass für unser (werbeinduziertes) Verlangen nach ständig neuen und billigeren Handys und Rechnern chinesische Arbeiter wie moderne Sklaven schuften, für einen Hungerlohn, mit dem sie sich die Geräte, die sie tagsüber im Akkord zusammen bauen niemals leisten können werden, ganz abgesehen davon, dass sie abends viel zu müde wären, sie zu benutzen.

Glücklicherweise werden die Lieferketten immer transparenter, auch weil immer mehr verantwortungsbewusste Verbraucher das hinter den Produkten liegende Elend und seine geheimen Umweltkosten nicht länger ignorieren wollen und gezielt danach fragen.

Frauen verarbeiten selbstangebautes Seegras zu Seife –in  Paje/ Sansibar

Meine eigene Gier, die sich auf subtile Weise zeigt, wird mir vor allem in Afrika immer sehr bewusst. Konfrontiert mit Menschen, die nicht ununterbrochen nach irgendwelchen Genüssen oder Kicks streben (können) seien es nun Kaffee, Alkohol, Zigaretten oder Amüsement wie Kino oder Konzerte, weil sie es sich schlicht nicht leisten können, fühle ich mich oft gieriger als ich dachte.

Auch übertriebener Arbeitseifer, ausufernde Optimierungssucht und innere Anspannung (in kürzester Zeit möglichst viel erledigt bekommen) resultieren aus Formen von Gier: Efficiency-Gier, Prestige-Gier, Macht-Gier oder auch Like- und Fallower-Gier.

Im Prinzip zeigt sich Gier in jeder Form der groben Übertreibung, die  bereits Zeichen mangelnder Achtsamkeit oder Bewusstheit ist – man realisiert nicht, übers Ziel hinausgeschossen zu sein. Um in Balance zu leben, bedarf es der regelmäßigen Rückkoppelung zum eigenen Körper und dessen Befindlichkeit, zu den eigenen Gedanken und Gefühlen, geleitet von der Frage: Was ist jetzt für mich wichtig und wie gut ist das, was ich da gerade will, für mich, mein Umfeld, ja, die Welt?

Ein mittleres Maß zwischen den Extremen zu finden ist Voraussetzung für innere Gelassenheit. Extreme mögen aufregender und unterhaltsamer sein – wie uns niemand dramatischer vor Augen führt als Donald Trump – für die Welt und ein gedeihliches Miteinander im Einklang mit der Natur sind sie jedoch eine absolute Katastrophe!

Tansania-Reisen zu Corona-Zeiten

 

If you can visit only two continents in your lifetime, visit Africa – twice! (R. Elliot)

Zebras

Wenn sich die Dämmerung über die Serengeti legt und die wenigen Safari-Jeeps, die derzeit hier unterwegs sind, dem Parkausgang oder einer Lodge zustreben, trotten auch die Zebras wieder zurück in den Busch. So als sei ihre Arbeit nun getan, nachdem sie sich  tagsüber den wenigen Touristen gebührend zur Schau gestellt haben. Service is all! Nach den grazilen Impalas sind Zebras meistens die ersten Tiere, die ein Safari-Tourist in der weitläufigen Savanne erblickt. Doch nach dem Beobachten imposanterer und vor allem gefährlicherer Tiere wie Elefanten, Löwen, Leoparden und Büffel können die freundlichen Zebras das Interesse nur noch bedingt wecken, es sei denn, sie stehen dicht gedrängt an einem Wasserloch, das ist dann wieder sehr piktoresk und in Social Distancing-Zeiten für uns Menschen vielleicht besonders anrührend.

Ich bin auf einer Presse-Reise durch Tansania, veranstaltet von einem mutigen jungen Reiseunternehmer, der vor sechs Jahren, nach seinem Afrikanistik-Studium und zwei Jahren in Dar Es Salaam zusammen mit einem Kommilitonen „Akwaba Afrika“ gründete (Willkommen in Afrika). David Heidler (30) mochte nicht länger zusehen, wie der wegbrechende Afrika-Tourismus sein Lieblingsland und dessen vorwiegend arme Bevölkerung beutelte. Also fuhr er mit einer handvoll unerschrockener Journalisten, durch den Tarangire Nationalpark, am Rande des Ngorongoro-Kraters und durch Massailand bis zum Norden der Serengeti, um dort eines der beeindruckendsten Tierspektakel zu beobachten:

Wasserstelle

die „Great Migration“ der Gnus über den Mara-Fluss nach Kenia, die dort auf den vermeintlich grüneren Weiden des Nachbarn grasen wollen. Allerdings könnten die sintflutartigen Regenfällen der Monate Dezember 2019 bis Februar 2020 (Klimawandel in Afrika L) sie genauso gut veranlassen, dieses Jahr in der grüner werdenden Serengeti zu bleiben, sodass der Ausgang alles andere als gewiss ist. So große Migration zu erleben ist selbst für erfahrene Safari-Fahrer wie Heidler ein seltenes Erlebnis, für das es im Übrigen viel Geduld braucht.

Wir parken in der Nähe des Mara-Flusses und warten darauf, dass die Wildebeasts, wie diese Gnu-Spezies heißt, sich endlich dazu bequemen, ihn zu überqueren. Um uns das dumpfe Muhen der Gnus sitzen wir  im oben geöffneten Jeep, spielen mit unseren Handys und sortieren in aller Seelenruhe zwei Stunden lang unsere Fotos. Da wir gut drei Stunden Fahrtzeit bis zu unserem Camp einkalkulieren müssen, geben wir uns noch genau eine Viertelstunde, bis wir das Unternehmen abblasen.

Ich hätte die endlose Warterei schon längst beendet, aber ich neige auch zur Ungeduld – auf Safaris keine gute Beraterin, daher halte ich mich mit meinen Kommentaren zurück. Zum Glück, denn mit einem Mal kommt Bewegung in die Szene, alle sieben wartenden Jeeps fahren wie auf Kommando gleichzeitig los, näher an den Mara River, in den sich bereits die ersten Gnus stürzen. Schwimmend und springend überqueren sie unter lautem Blöken den Fluss. Wir leiden mit denen, die kurzzeitig abgetrieben werden und atmen auf, als sie nach längerem Struggle mit dem Sog endlich die andere Uferseite erreichen. Auch das im Fluss lauernde Krokodil, dem vermutlich schon das Wasser im Mund zusammen gelaufen ist, geht dieses Mal leer aus.

Löwe

1,5 Millionen Safari-Touristen kommen im Schnitt pro Jahr nach Tansania. Nun, wo die Corona-Angst umgeht und das Auswärtiges Amt für das Land wie für nahezu alle Länder dieser Welt eine Reisewarnung erlassen hat, ist der Tourismus in Tansania dramatisch eingebrochen, Schätzungen zufolge auf fünf Prozent des Vorjahres. Dass Präsident John Magufuli das Zählen der Corona-Fälle Ende April eingestellt hat, empfinden viele in der Reisebranche Tätige als „Bärendienst“ oder gar „Sargnagel“, wie Horst Bachmann, Manager der African View Lodge im Arusha Nationalpark sagt. Er musste infolge der Krise seinen Mitarbeiterstab von 120 auf 48 reduzieren, mit sehr schlechtem Gewissen, „denn an jedem Angestellten hängt meist eine gesamte (Groß-)Familie“.

Nach den ersten Corona-Fällen Mitte März machte Tansania seine Grenzen für den internationalen Flugverkehr dicht, die Schulen wurden für drei Monate geschlossen und unnötige Bewegungen außerhalb des Hauses untersagt. Corona wurde in Tansania zur Chefsache. Magufuli rief zum  intensiven Fasten und Beten auf und erklärte schließlich Ende Mai die Pandemie für beendet. Praktisch, denn wenn man nicht zählt, geht das ja auch viel einfacher. Am 1. Juni wurde der Flugverkehr wieder geöffnet, Schulen nahmen den Unterricht wieder, für Touristen wurden Hygiene-Konzepte erarbeitet.

„Wir können den Menschen hier auf Dauer einfach nicht verbieten, ihre Tomaten auf dem Markt zu verkaufen“, erklärt Bachmann, „denn das ist für sie existenzentscheidend.“ Glücklicherweise habe man bisher keine Hungertoten zu beklagen. Viele nun arbeitslose Einheimische, die zuvor in der Tourismus-Branche gearbeitet haben, sind zu ihren Familien zurückgekehrt, wo sie nun verstärkt Ackerbau und Viehzucht betreiben.

„Für uns war Corona auch ein Wakeup Call, nicht mehr einseitig auf den Tourismus als Erwerbsquelle zu setzen“, sagte Mohammed, unser smarter 26jähriger Safari-Guide aus Arusha. „In der Region um Arusha und den Kilimanscharo hängen 65 Prozent aller Jobs direkt oder indirekt vom Tourismus ab. Für mich ist das jetzt seit März erst die zweite Tour und ich kann mich noch zu den Glücklichen zählen.“ Viele seiner Kollegen mussten mangels Nachfrage inzwischen umsatteln, sie verkaufen jetzt Dinge des täglichen Bedarfs wie Brennholz, Gemüse und Fisch oder übernehmen kleinere Touren für Freunde, die ein Taxi besitzen.

Händewaschen

Ob er Angst vor Corona hat? „Am Anfang hatten wir alle noch große Angst vor einer Infektion, aber dann haben wir uns unserer traditionellen Medizin zugewandt, Heilkräuter gekocht und die Dämpfe inhaliert und mehrmals am Tag starken Ingwertee mit Zitrone getrunken, um unser Immunsystem zu stärken. Ebenso wie das Fasten und Beten haben diese Maßnahmen das Vertrauen in unsere Widerstandskräfte gestärkt. Auch Angst kann einen krank machen“, sagt er.

In einem Land wie Tansania, in dem das soziale Miteinander viel intensiver als in Europa ist, können gravierende gesundheitliche Probleme nicht im Verborgenen bleiben, erklären unisono alle von uns Befragten. Hubert Hölzer (Name geändert), ein im Norden des Landes praktizierender deutscher Arzt unterhält ein kleine Netzwerk zu Kollegen, das etwa die Hälfte des Landes abdeckt. „Wir haben bis Juni keinerlei Indizien für vermehrte Sterbefälle“, sagt er. „Und ich finde offen gestanden, dass die Kollateralschäden weltweit viel zu wenig betrachtet werden. In Ländern wie Tansania gibt es kaum soziale Sicherungssysteme, um die wirtschaftlichen Folgen abzufedern, das macht die Lage hier wesentlich dramatischer. Einen totalen Lockdown muss man sich leisten können.“

Lieferwagen

Abgesehen von der geringen Testdichte im Land macht er die Gründe für die von ihm und seinen Ärzte-Kollegen wahrgenommene unbeeinträchtigte Gesundheit der Bevölkerung an folgenden Faktoren fest:

  • Eine überwiegend junge Bevölkerung
  • Weniger dichte Besiedlung (anders als beispielweise in den südafrikanischen Townships)
  • Das Leben findet überwiegend draußen und nicht in geschlossenen Räumen statt
  • Last, but not least: Jedes Kind, das hier die ersten fünf Jahre überlebt, hat eine hohe Immunstärke

„Malaria und Tuberkulose stellen meiner Ansicht nach eine viel größere Gefahr dar als Corona“, sagt Hölzer. „Ganz zu schweigen vom statistisch viel höheren Risiko, bei einem Autounfall ums Leben zu kommen. Hier ist es ein Desaster, wenn Menschen nicht arbeiten gehen können und hungern müssen.“

Nach zwei Jahren, die er mit Frau und Kindern im Land lebt, kann er die entspanntere Haltung der Bevölkerung gut nachvollziehen. „Die Leute leben hier glücklicher mit der Einstellung: Wenn es passiert, dann passiert es eben – Inshallah!“ Ein Fünkchen Schicksalsergebenheit würde uns vielleicht auch gut zu Gesicht stehen – es ist ja ein Irrtum, zu glauben, wir könnten alles kontrollieren. Wenn ich in der EU bleibe, kann mich das Virus in Brüssel ebenso erwischen wir in Wien. Sogar in meiner Heimatstadt Hamburg kann es zuschlagen, wenn ich mich zur falschen Zeit am falschen Ort befinde!

Strand und Palmen

Nach Angaben der UN sind derzeit in Entwicklungsländern 130 Millionen Jobs im Tourismus (von weltweit 330 Millionen) gefährdet, das zeigt ein wenig das Ausmaß der Katastrophe, die wir in Europa kaum wahrnehmen. Ob sich das in wenigen Monaten als verstärkte Flüchtlingsströme zeigen wird?

Dann doch lieber die Tierwelt Afrikas (die sich nirgendwo so zahlreich findet wie in Tansania) beobachten und danach an die menschenleeren Strände von Sansibar fliegen. So touristenarm werde ich Tansania vermutlich (und hoffentlich) nie wieder vorfinden – best time to travel ever. So viel Raum für mich und Social Distancing wie an den Stränden Sansibars könnte ich sonst wohl höchstens auf dem Tempelhofer Feld an einem regnerischen Wochentag finden.

Sansibar Jambiani

Menschenleere Strände, beispielsweise in Jambiani auf Sansibar

 

Akwaba Travel GmbH

T: +49 341 22387160

W: www.akwaba-afrika.de

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Auf nachhaltige, authentische und individuelle Reisen verpflichtete Afrika-Experten. Freundlicher, umsichtiger Service, top Reisebegleitung

 

Blue Oyster Hotel, Jambiani

M: +255 783 045 796

W: www.blueoysterhotel.com

Auch auf nachhaltigen Tourismus abonniert, von Anwar Beiser, einem Deutschen, erstklassig geführtes und schön angelegtes Boutique-Hotel mit 18 Zimmern, direkt am Strand gelegen

 

Melik‘s Hotel, Jambiani

T: +255 777 144 121

Eines der kleinsten Hotels von Jambiani, 6 Zimmer, sehr persönliche, herzliche Atmosphäre, direkt am Strand gelegen, von Nasrin Bachmann, einer Deutsch sprechenden Tansanierin geleitet

Luxusgüter der Zukunft

Buddha

Buddha, der Erleuchtete: Unwissenheit, Hass und Gier sind die Hauptursachen für Unglück

Maybe the life you always wanted
Is buried under everything you own
(Joshua Becker)

Corona hat vielen von uns auch das gebracht: Mehr Raum und mehr Zeit.

In „Weniger ist mehr“ zitiere ich den Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger, der schon vor über 20 Jahren weitsichtig prognostizierte: „Zu den Luxusgütern der Zukunft werden Raum und Zeit gehören“ – und beides ist vergraben unter einem Berg von Dingen, Informationen und Verpflichtungen, die unsere Zeit und Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, sodass unser Leben schwer wird.

Mit leichterem Gepäck reist es sich leichter, das erlebe ich sehr deutlich, während ich gerade meinen Besitz minimiere und auf das Notwendige zu beschränken versuche. Und es ist sicher immer noch mehr als genug.

Es ist die Gier, die uns treibt und versklavt – keine Religion benennt dies deutlicher als der Buddhismus. Zum Glück führt uns das unbändige Verlangen nach immer mehr allerdings nicht unbedingt.

Hass, Unwissenheit und Gier sind nach Ansicht der Buddhisten Hauptübel der Menschheit und wichtigster Faktor für Unglück – persönliches wie gesellschaftliches. Wie zutreffend diese Beobachtung ist, kann jeder an sich selbst durchdeklinieren.

Das Gegengewicht zur Gier ist Dankbarkeit.

Dankbar dafür, am Leben zu sein, dankbar dafür, weder Hunger noch Durst zu leiden, ein Dach über dem Kopf zu haben und nicht verfolgt zu werden. Eine demokratisch gewählte Regierung und  Rechtsgewissheit zu haben, kurz: mit den Errungenschaften des Globalen Westens gesegnet zu sein. Dass dies keineswegs selbstverständlich ist, erleben wir täglich in den Nachrichten.

Mich persönlich hat die Coronakrise tatsächlich veranlasst, mehr Dankbarkeit und Wertschätzung für die sogenannten „kleinen Dinge des Alltags“ zu fühlen – Dinge, die ich früher für selbstverständlich genommen habe. Sind sie aber nicht, sie können von heute auf morgen verloren gehen,  wie wir erlebt haben.

Dankbarkeit lässt sich trainieren, habe ich festgestellt. Es kann anfangs hilfreich sein, ein Dankbarkeit-Journal zu führen (es soll sogar anti-depressiv wirken), in dem man täglich drei Dinge listet, für die man dankbar ist.

Mindestens drei Wochen muss ein neues Verhalten praktiziert werden, um eine neue Gewohnheit zu etablieren, das haben psychologische Studien ergeben. Wie viel größer kann der Effekt nach drei Monaten (nach einem Lockdown) sein! Ich glaube, dass diese Veränderung bereits in Gang gesetzt  ist und wir uns auf einem neuen Weg mit neuen, aber eigentlich uralten Werten befinden, die es seit Ewigkeiten gibt – hin zu mehr innerer Balance und zu mehr Mäßigkeit.

Schwein gehabt mit Geburtsort und Lebensumständen? Danke!

Leben in der CORONA-Zeit

Sansibar Tansania

Hier bin ich zwar nicht, wäre aber gern jetzt dort … Simple but happy life in Sansibar/Tansania

 

Die Corona-Zeit – wie seltsam und zugleich bedeutungsvoll das klingt, diese Zeit, in der sich durch einen Virus mit einem Schlag so viele unserer Gewissheiten und Gewohnheiten änderten, auch Denkgewohnheiten. Wer hätte vor einem halben Jahr gedacht, dass Politiker einmal äußern würden, das Wohl der Menschen ginge über das der Ökonomie – wo wir eigentlich jahrzehntelang das glatte Gegenteil erlebt hatten. Der Mensch ist Mittelpunkt (nicht der Schöpfung, von dieser Überheblichkeit verabschieden wir uns ja gerade) und in einem Staatswesen sollte er natürlich so betrachtet werden und nicht: Der Mensch ist Mittel. Punkt.

Einer neuen Bertelsmann-Studie zufolge ist der Zusammenhalt innerhalb Gesellschaft seit Beginn der Corona-Krise stärker geworden, zumindest wird es in Umfragen so wahrgenommen – 46 gegenüber 36 Prozent vor CORONA sehen dies so. Menschen kümmerten sich wieder mehr um ihre Mitmenschen, meinten die Befragten,  die „mehrheitlich große Solidarität und Rücksichtnahme erfahren haben“, so Studien-Autor Kai Unzicker.

Ich finde, das ist auch fühlbar, wir gehen netter miteinander um, sind hilfsbereiter und auch dankbarer geworden, dankbar dafür, dass die Pandemie bisher so glimpflich ausgefallen ist. Wir haben Glück, dass uns dieses Gefühl einer größeren Solidarität nicht durch einen Krieg näher gebracht wurde und ich kann sagen, dass ich jeden Tag von neuem dankbar für mein Leben bin. Wenn ich durch CORONA eines gelernt habe, dann dies: Es ist nichts selbstverständlich, auch nicht, am Leben zu sein, es ist ein Geschenk.

Ein dreimonatiger Lockdown bleibt nicht ohne Folgen. Viel Zeit, um nachzudenken, ob die eigenen Prioritäten noch stimmen, ob sie in den Jahren des Optimierungswahns überhaupt je gestimmt haben. Der Konsum sinkt, was für die Wirtschaft schlecht, für die Seele jedoch gut ist. Wir werden (hoffentlich) nicht zum Status quo ante zurückkehren, wo wir gerade so erfolgreich darin sind, uns ein paar überflüssige Gewohnheiten abzugewöhnen.

Eine Menge Leute haben die Zeit genutzt, sich von den vielen überflüssigen Dingen zu befreien, die sie in Haus und Herz getragen haben. „Maybe most of your talents are buried under everything you own“, lautete ein Facebook-Post, den ich gern geteilt habe. Ich selbst habe mich gerade von etwa der Hälfte meiner Habseligkeiten (eigentlich ein lustiger Ausdruck!) getrennt (ebay machts möglich) und kann nur sagen: Ich vermisse nichts. Im Gegenteil – ich gewinne an Klarheit, weil ich nur noch von Dingen umgeben bin, die (momentan) bedeutsam für mich sind, und auch nur noch Lieblingskleidungsstücke besitze. Was sich nicht gut anfühlt, kommt weg, dazu brauchte ich nicht Marie Kondo sondern lediglich meinen gesunden Menschenverstand bzw. meine Intuition.

Der Prozess zum Weniger schärft die eigene Entscheidungskraft ungemein, ich stelle fest, dass ich auch andere Entscheidungen jetzt schneller treffe. Einfach weil ich besser „durchblicke“, auch auf meinem Schreibtisch, dessen Übersichtlichkeit klärt, welche Projekte für mich wirklich relevant sind.

„Weniger ist mehr“ ist so etwas wie mein Lebensthema, ursprünglich entstanden aus Erlebnissen als 19jährige  in einem aufs wirklich Wesentliche beschränkten Leben im Kibbutz, wo nie zählte, was du hast (in einem Kibbutz eher wenig), sondern immer nur, wer du bist. Und den Charakter (altmodisches Wort, wie mir gerade auffällt) erkennst du nicht an den Klamotten, der tollen Uhr oder dem schnittigen Schlitten, den du fährst sondern an den Augen, dem Gesichtsausdruck, deinem Reden und Handeln (das möglichst deckungsgleich sein sollte).

Die CORONA-Zeit erlebe ich gerade als regelrechten Aufbruch. Da wir jetzt mit unseren Masken alle etwas anders aussehen (gab es mal das Vermummungsverbot?), werden wir nun täglich daran erinnert, dass eine neue Zeit angebrochen ist, ob es uns gefällt oder nicht. Eine Zeit mit neuen Ritualen (bewussterem Händewaschen und Mundschutz anlegen), mehr Achtsamkeit und einem neuen Narrativ, das tatsächlich die ganze Welt eint – wann hat es so etwas zuletzt gegeben? Und: eine Zeit, in der plötzlich viel von Respekt und Achtung voreinander die Rede ist; während des Lockdowns propagierten es sogar Werbefirmen, vielleicht weil sonst nicht viel im Angebot war J (außer online, aber ich persönlich kaufe und unterstütze lieber lokal).

Langer Rede kurzer Sinn: Ich meine, wir befinden uns in einer Phase sehr viel artgerechterer Menschenhaltung als vor CORONA, als wir häufig dichter als uns (zumindest den Sensibleren unter uns) lieb war in Restaurants, Theater- oder Kinosälen saßen, ganz zu schweigen von Großveranstaltungen und Massen-Events, auf denen (aus ökonomischen Gründen) für mein Gefühl viel zu viele Menschen eng gedrängt stehen mussten und Abstand halten unmöglich war.

Nun also ein (hoffentlich dauerhaftes) Zurück zu einer artgerechteren Menschenhaltung, zu Respekt, Würde, Dankbarkeit und… Anstand? Auch denen gegenüber, deren Vorfahren wir unseren Wohlstand in der westlichen Welt maßgeblich verdanken, auch wenn uns das erst allmählich dämmert. Darüber im nächsten Beitrag mehr.

Loslassen statt Horten

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Ja, ich denke schon. Das meiste davon jedenfalls. Im Ernst. Denn es befreit ungemein, Ballast abzuwerfen, Unnötiges zu entsorgen, wohin auch immer. Der Focus wird klarer, wenn man sich auf die Sachen konzentriert, die man wirklich benutzt. Beispiel Kleidung: Erwiesenermaßen tragen wir nur 20 Prozent der in unseren Schränken stationierten Garderobe!

Eine Lieblingshose (und zwei, drei  Ersatzstücke, wenn man waschen muss). Nur noch Lieblingssachen besitzen und sich jeden Morgen freuen, wenn man den Kleiderschrank öffnet und dort nur noch Sachen hängen, die man wirklich mag! Und: Es gibt nicht mehr so viele Entscheidungsoptionen, was das Leben sehr erleichtert.

Beispiel Lebensmittel: Seitdem ich kaum noch Fleisch esse, ist das Supermarktangebot, das mich früher oft zu erschlagen drohte, etwas überschaubarer geworden, kann ich dort ganze Abteilungen „überspringen“. Die persönliche Freiheit wächst, wenn man seinen Konsum einschränkt.

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Warum fällt uns das Loslassen oft so schwer?

Was Klamotten betrifft, so glaube ich, dass wir uns ungern damit konfrontieren, wie fehlgeleitet, manchmal regelrecht gierig wir im Moment des Kaufaktes agierten. Vielleicht war es ein Frustkauf? Nach meiner festen Überzeugung „hängen“ die Begleitumstände unseres Kaufs und sowie unsere Erfahrungen mit dem Kleidungsstück an diesem. Und instinktiv spüren wir dies und zögern daher, es anzuziehen. Also weg damit, finde einen würdigen Abgang dafür!

Immer mehr haben zu wollen ist eine Fehlsteuerung, die wir den Einflüsterungen von Marketing und Werbung zu verdanken haben. Und unserer Abhängigkeit von Image und Status  (also der Meinung anderer Menschen).  Was für ein Individualismus ist das denn? Nichts anderes als ein superschlaues Marketing-Konzept, dem wir auf den Leim gehen und dem wir uns durch entsprechende Kaufakte unterwerfen. Die Vermarktung des iPhones und Hundertausender Apps ist dafür ein eindrucksvolles Beispiel.

Andere Menschen durch Besitz zu beeindrucken ist in einer Massenkonsum-Gesellschaft keine gute Idee – einfach, weil dadurch zu viele Ressourcen verballert werden. Ohnehin ist materieller Besitz ein im Wert stark schwankendes Gut. Bereits in der Bibel wird davor gewarnt, Dinge zu besitzen und zu horten, weil sie unweigerlich dem Verfall (oder Diebstahl) preisgegeben sind. Was zu viel ist verdirbt – auch den Charakter! Stattdessen, so wird vorgeschlagen, sich um Schätze im Himmel, also solche geistiger Art zu bemühen (eine heute leider sehr antiquiert wirkende Vorstellung). Denn am Ende unserer Tage zählt nur das, was wir sind und nicht das, was wir haben – das letzte Hemd hat bekanntlich keine Taschen.

Eine starke innere Haltung gegenüber unserer Besitz- und Habgier einzunehmen ist  vermutlich ein lebenslanger Lernprozess. Bedeutet er doch, unseren unbewussten und stammhirngesteuerten Reaktionen, die uns immer wieder kalt erwischen, bewusstes und intelligentes Handeln entgegen zu setzen.

Aber das müsste doch eigentlich möglich sein, oder?

Medien und Populisten

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Der Schock über das Einziehen der AfD als drittstärkste Kraft in den Deutsche Bundestag könnte sich noch als heilsam erweisen – folgt doch jetzt nach all dem Wahlkampfgetöse eine seriösere Phase mit Analyse und Ursachenforschung: Wie konnte es nur dazu kommen? Was ist schief gelaufen in der vergangenen Legislaturperiode?
Wieso fühlen sich so viele abgehängt und nicht wahrgenommen? Alles „Globalisierungs-Verlierer“? Wenn es stimmt, dass 60 Prozent der AfD-Wähler reine Protestwähler waren – wogegen genau richtet sich der Protest? Gegen Angela Merkels beharrliche Weigerung, eine Obergrenze für die Aufnahme von Flüchtlingen zu formulieren? „Wir schaffen das“ – ja, aber die Bürokratie schafft es bisher eher recht als schlecht. Und ohne die Unterstützung der Flüchtlinge durch Hunderttausende von Ehrenamtlichen wäre die Situation vermutlich etwas brisanter.
Der Leipziger Soziologie-Professor Holger Lengfeld sprach gestern in den Tagesthemen von einer „kulturelle Unzufriedenheit mit dem demokratischen System“ – vielen Leuten, die AfD gewählt haben „passt die Gesamtrichtung nicht“ – die offene Gesellschaft mit mehr Multi-Kulti und der Anerkennung unterschiedlicher Lebensweisen (Stichwort: Homo-Ehe). „AfD-Wähler wollen Gehör finden, ihre Meinung kundtun“, so Lengfeld. Da Flüchtlingsfragen in Zukunft noch eine größere Bedeutung bekommen und Migration eher zunehmen werde, sei es wichtig, diese Themen gut zu kommunizieren, vor allem aber anders Denkenden besser zuzuhören – bei aller gebotenen Auseinandersetzung über Sachfragen.
In der Vergangenheit hat man diese Menschen eher schon fast reflexhaft ausgegrenzt – ein falscher Ansatz, wie inzwischen vielen klar wird.
Und noch ein Punkt verdient Beachtung. Wir leben in einer immer stärker auf Aufmerksamkeit, Erregung und Lust an Extremen geprägten Kultur. Maß und Mitte haben gerade keine Hochkultur, weil sie keine Quote und keine Reichweite bringen. Insofern müsste die häufig scheinheilige Rolle der Medien bei der Beförderung populistischer Anschauungen etwas genauer unter die Lupe genommen werden. Der hohe Unterhaltungswert extremer Ansichten und Haltungen (am intensivsten in der laufenden Berichterstattung über Donald Trump zu beobachten) wird von ihnen durchaus goutiert.
Warum sonst muss jede Rechtsausleger-Äußerung über Tage in epischer Breite aufgeregt diskutiert werden? Weil es die Sensationsgier befriedigt – die der Medien und sicherlich auch die von uns, die wir auf immer stärkere Reize konditioniert sind. Aber ist das gut? Bringt uns das weiter bei der Lösung der drängenden ökologischen und innen- sowie außenpolitischen Fragen?
Man hat denen, die Populisten auf den Leim gehen immer wieder vorgeworfen, sie seien nicht bereit sich auf die in einer Demokratie nötigen oft langwierigen Abstimmungs- und Entscheidungsprozessen. Doch undifferenziertes und vorurteilsbehaftete Denken wird ihnen tagtäglich von den (vor allem privaten) Medien nahegelegt. Man braucht sich nur deren zum Teil unglaublich primitive Dialoge und Plots in den Nachmittagssendungen anzusehen, um zu wissen, was da gesät wird, am heftigsten in den sogenannten Scripted Soaps – scheinbaren Reality-TV-Sendungen, die jedoch einem wohl durchdachten Drehbuch folgen, auch wenn es den Anschein hat, als äußere sich hier äußerst authentisch die Stimme der Unterschicht.
Wer verstanden hat, dass Fernsehen in den vergangenen Jahrzehnten zum Volkserzieher Nummer 1 mutiert ist, wundert sich nicht darüber, dass herauskommt, was man produziert hat. Wer Ressentiments, Konflikt kriegt genau das zurück. Selbst wenn man das Fernsehen lediglich als Frequenzverstärker herrschender Meinungen und Ströme betrachtet – die Verantwortung für diese Auswirkungen bleibt bestehen. Darüber muss dringend gesprochen werden.
Diametral entgegengesetzt zu dem, was ich eine Aufmerksamkeits- und Erregungskultur nenne, in der offenbar stets stärkere Reize nötig werden, um Menschen zu erreichen, ist das Gefühl des Einzelnen, von immer größerer Bedeutungslosigkeit zu sein. Dies umso mehr, als in einem nie da gewesenen Maße vermittelt wird, jeder von uns könne genauso so schön, schlank, berühmt und glücklich wie die Superstars dieser Welt werden. Die Messlatte für den Einzelnen hängt frustrierend hoch – und macht sich in erster Linie an Äußerlichkeiten fest.
Persönliche Bedeutung im Sinne eines Gefühls von „Ich bin wichtig – ich habe einen Wert“ haben früher die Religion oder über den eigenen Tellerrand hinausgehende Lebensphilosophien vermittelt. Ohne eine innere Vorstellung darüber, wofür ich hier auf der Welt bin und was mein Beitrag zum großen Ganzen sein könnte, wirkt das eigene Leben tatsächlich bedeutungslos. Noch so viele Kaufakte und Events werden dieses Defizit nicht aufwiegen, man kann es noch so oft versuchen, es wird nicht gelingen.
Hier können und müssen Politik, Kultur und Gesellschaft gegensteuern, indem sie Visionen über den eigenen Konsumhorizont hinaus bieten, die das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken und dem Bedeutungsverlust entgegenwirken, indem sie beispielsweise humanistischer Werte fördern und fordern, erklären und lehren.
Eine Konsumkultur, in der wir lediglich als Käufer und Konsumenten wahrgenommen werden, wobei unsere seelischen Bedürfnisse missachtet und missbraucht werden, benötigt dringend ein Korrektiv. Eine Jamaica-Koalition, die ernsthaft zu verstehen versucht, woran es im Lande der Exportweltmeister fehlt, könnte hier ganz neue Signale setzen.

Die Geschichte von Weniger ist mehr

IMG_8496Als ich 1998 , auf dem Höhepunkt von Internet-Blase und Börsenhype „Weniger ist mehr – zurück zum einfachen Leben“ veröffentlichte, war ich  eine der Ersten, die sich Gedanken über den Charme des Downsizing zum „Weniger“ machte.  Erst sehr viel später folgten die Küstenmachers und andere Autoren diesem Thema, wurden zum Teil mit ihren Büchern auch viel bekannter, weil sie diese mit einem gut durchdachten Marketing-Konzept verbanden.

Bei mir war es etwas anders. Mein Buch wurde gewissermaßen Opfer seines eigenen Titels. Es erschien aufgrund interner Querelen meines Verlages (Kabel bei Piper) in einer vergleichsweise kleinen Auflage von 2000 Stück, die innerhalb eines halben Jahres ausverkauft war. Mein damaliger Verleger hatte seinen Verlag verkauft und betreute seine Bücher als Lektor bei Piper – bis er den Verlag verließ. Nun hatte mein Buch keine „Lobby“ mehr und ich erhielt die Rechte zurück.

Als im HAMBURGER ABENDBLATT ein Artikel von mir erschien, in dem ich die wesentlichen Thesen meines Buches zusammen gefasst hatte, klingelte das Telefon drei Wochen lang ununterbrochen. Alle wollten mein Buch kaufen! Ich ließ schrittweise 3000 Stück nachdrucken und verkaufte und versandte die Exemplare. Es war eine höchst interessante Erfahrung, denn wann hat man als Autor schon mal die Gelegenheit, mit seinen Lesern zu sprechen! Angesichts des vorherigen Debakels über das Buch war ich angenehm überrascht, offenbar einen Nerv getroffen zu haben. „Endlich mal jemand, der genau sagt, wie es ist“, „Das Buch liegt auf meinem Nachtisch und ist meine Bibel geworden“, “…hast mein Leben verändert“ – so lauteten die begeisterten Kommentare meiner Leser. Ich war sehr zufrieden mit dieser Wirkung, zumal ich total hinter meinem Buch stand (und nach wie vor stehe).

2012 schrieb ich etwa ein Drittel des Buches neu und setzte an das Ende eine Kurzgeschichte, eine Parabel unseres Lebens sozusagen. Dann brachte ich das runderneuerte und aktualisierte Buch im Classicus Verlag heraus. Inzwischen ist auch diese dritte Auflage bis auf etwa 100 Restexemplare verkauft und ich komme zu dem Schluss, dass dieses Buch mit seiner doch recht steinigen Entwicklungsgeschichte zu einer Art Longseller geworden ist. Jetzt habe ich die Rechte zurückerworben und werde auf diesem Blog die wesentlichen Gedanken mit aktuellen Fragestellungen verbinden. I

Ich habe nämlich den Eindruck, das Thema wird immer brisanter: Wie können wir angesichts des absehbaren Klimakollapses (dessen Auswirkungen in Form von Wetterextremen  bereits jetzt deutlich spürbar sind) lernen, uns schrittweise immer mehr einzuschränken, ohne dies als unangenehm zu empfinden? Wie können wir uns von dem uns eingeimpften „Immer mehr ist immer besser“ und „Wachstum ist gut“ befreien und uns wieder stärker an dem orientieren, was uns wirklich wichtig ist, was wir wirklich für unser Glück benötigen? Sind es wirklich die Waren oder suchen wir eigentlich etwas ganz anderes? Etwas, wofür all die Kaufakte, die wir zum Teil in einer Art somnambuler Grundstimmung fällen, nur dürftiger Ersatz sind?

Manchmal denke ich, vielleicht werden wir es irgendwann gar nicht mehr benennen können, was wir wirklich suchen, keine Worte mehr dafür haben, was es ist, was uns fehlt, weil uns (aus intimer Kenntnis unseres Konsumverhalten heraus) sofort Angebote  gemacht werden, wie wir die Löcher in unserer Seele stopfen können. Das erfordert zwar keine psychische Energie und kann daher auch nicht wirklich funktionieren.

Es macht aber süchtig nach immer neuen Ablenkungsangeboten, während wir dabei gefühlsmäßige Analphabeten, manche nennen es auch „Konsumsklaven“ werden, die Unternehmen dabei unterstützen, Geld zu verdienen.

Doch was brauche ich wirklich?

Very simple: Glück und Erfüllung im Leben!

Wie das funktionieren kann – darüber werde ich in den folgenden Beiträgen viel schreiben. Ich freue mich darauf!

 

„Weniger ist mehr – auf der Suche nach dem eigenen Maß“ kann man unter catharina@aanderud.de bestellen.FullSizeRender

Die Rolle von Freud bei der Steuerung unserer Bedürfnisse

IMG_2721Wie kann  man sich erklären, dass wir Dinge kaufen, die wir gar nicht brauchen? Die zwanzigste Paar Schuhe, die zehnte Handtasche, das dritte Paar Handschuhe? Und wie kann es sein, dass Konsumenten für den Kauf eines neuen Smart-Phones die ganzes Nacht vor dem Laden verbringen, um am nächsten Tag als eine der ersten mit der Trophäe in der Hand bei ihren Freunden und Arbeitskollegen zu punkten? It’s all Psychology, Stupid!  Bearney, ein Neffe Freuds und Vater der modernen Werbung und PR, erkannte als erster, welche Möglichkeiten für Marketing und Werbung in all den unerfüllten Bedürfnissen der Menschen schlummerten. .Inzwischen kümmert sich ein ganzes Heer von Marktpsychologen darum, immer gezielter in unsere Innenwelt einzusteigen und dort immer neue Bedürfnisse wach zu kitzeln.

Wie wir zu Konsumenten wurden

Die wenigsten wissen heute, dass der Siegeszug des amerikanischen Kapitalismus und vor allem die enge Verknüpfung von Demokratie mit dem kapitalistischen Modell durch einen Mann in die Wege geleitet wurde, der ein Neffe Sigmund Freuds war, des Begründers der Psychoanalyse. Edward Bernays ist heute so gut wie unbekannt, aber sein Einfluss auf das 20. Jahrhundert war fast ebenso groß wie der seines berühmten Onkels. Er war der erste, der Freuds Theorien im Auftrag von Großkonzernen nutzte, um die Massen zu beeinflussen, etwas zu wollen, was sie nicht brauchten, indem er massenproduzierte Waren mit ihren unbewussten Wünschen verknüpfte. Dies war die Geburtstunde des Konsumenten, wie er heute unsere Welt dominiert.

Edward Bernays hatte sich nach dem Ersten Weltkrieg als PR-Berater – ein Begriff, den er selbst kreiert hatte – in Brooklyn niedergelassen. Seit Ende des 19. Jahrhunderts war Amerika eine Massenindustrie-Gesellschaft geworden, mit Millionen von Menschen, die dicht gedrängt in den Metropolen lebten. Entschlossen, Mittel und Wege zu finden, das Denken und Fühlen dieser Massen zu beeinflussen und dies lukrativ umzusetzen, wandte sich Bernays den Schriften seines Onkels, Sigmund Freud, zu.

Freud hatte ein düsteres Bild des Menschen gemalt, getrieben von irrationalen und unbewußten Kräften, die jederzeit unter der Oberfläche hervorbrechen konnten und in Gemeinschaft mit anderen zu einem rasenden Mob werden konnten, der sogar Regierungen stürzen konnte, wie es 1917 gerade in Rußland geschehen war.

Diese Vorstellung erschreckte die damaligen Eliten Amerikas. Für viele bedeutete dies, dass eines der Hauptprinzipien, die für Massendemokratien bisher galten, obsolet war: dass man Menschen vertrauen kann, ihre Entscheidungen auf rationaler Grundlage zu fällen. Demokratie musste also neu überdacht werden und man suchte nun nach psychologischen Techniken, die in der Lage waren, das Unbewusste von potentiell gefährlichen Massen zu lenken und soziale Kontrolle auszuüben.

PR-Kampagne bringt Frauen massenweise zum Rauchen

Bernays war fasziniert von der Vorstellung versteckter irrationaler Kräfte im Menschen und überlegte, wie man mit der Manipulation des Unbewussten Geld verdienen könne, denn er verstand sofort, dass menschlicher Entscheidungsfindung sehr viel mehr zugrunde lag, als man bisher gedacht hatte, und dass hierfür keineswegs nur rationale Motive ausschlaggebend waren. Indem er die Dinge aus dem Blickwinkel irrationaler Emotionen betrachtete, entwickelte er einen völlig neuen Denkhorizont. Die meisten Manager und Werbestrategen dachten damals, wenn man Menschen nur mit genügend Informationen über ein Produkt überschüttete, würden sie sich überzeugen lassen, es zu kaufen. Aber so funktionierte es eben nicht.

Bernays begann mit den Ideen Freuds zu experimentieren.

1920 schrieb er eine Reihe von Büchern, in denen er behauptete, er habe Techniken gefunden, um die irrationalen Kräfte der Massen zu managen: Man müsse ihre innersten Wünsche und unerkannten Bedürfnisse anregen und sie dann mit Konsumgütern befriedigen. Er nannte es „Engineering of Consent“ – auf Deutsch etwa: das „Entwicklung von Einverständnis“.

Sein aufsehenerregendster Erfolg war, dass er es schaffte, Frauen zum Rauchen zu veranlassen, was damals noch ein Tabu war – eine Frau rauchte nicht, schon gar nicht auf der Straße. Einer seiner ersten Klienten, die American Tobacco Corporation, beauftragte Bernays damit, dieses Tabu zu brechen. Bernays fragte einen der führenden Psychoanalytiker New Yorks, was Zigaretten für Frauen bedeuteten und erfuhr, dass Zigaretten den männlichen Penis und männliche sexuelle Kraft symbolisierten. Wenn es Bernays gelänge, Zigaretten stattdessen mit der Herausforderung männlicher Macht zu assoziieren, würden auch Frauen anfangen zu rauchen.

Rauchen wird zum Symbol für Freiheit und Unabhängigkeit

Nun setzte Bernays zu einem geradezu genialen PR-Feldzug an. Als in New York die jährliche Osterparade anstand, überredete er ein paar Models, Zigaretten unter ihren Strumpfbändern versteckt zu halten. Sie sollten dann zu der Parade stoßen und auf ein verstecktes Zeichen von ihm ihre Zigaretten hervorholen und mit dramatischer Geste anzünden. Gleichzeitig informierte Bernays die Presse, zu der er ausgezeichnete Verbindungen unterhielt, er habe gehört, dass eine Gruppe Suffragetten die Osterparade für ihren Protest nutzen wolle, indem sie etwas anzündeten, was sie „Fackeln der Freiheit“ nannten.

Er wusste, dass alle Fotografen zur Stelle sein würden, um diesen Augenblick einzufangen, dafür hatte er den PR-wirksamen Slogan „Fackeln der Freiheit“ entwickelt. Auf diese Weise hatte er mit äußerstem Geschick junge, gutaussehende Frauen, die in der Öffentlichkeit rauchten, mit Freiheit, dem Symbol, für das Amerika steht verknüpft, sodass jeder, der an den amerikanischen Traum glaubte, diese Frauen und ihr Verhalten unterstützen musste. Am nächsten Tag war über dieses Ereignis in allen Zeitungen des Landes sowie in der internationalen Presse zu lesen – und von da an stieg der Verkauf von Zigaretten an Frauen kontinuierlich.

Bernays hatte mit einem einzigen symbolischen Akt das Rauchen für Frauen sozial akzeptabel gemacht. Mehr noch: Er setzte die Idee durch, dass es eine Frau mächtiger und unabhängiger macht, wenn sie raucht.

Wie wir lernten, Dinge zu kaufen, die wir nicht brauchen

Nach diesem Erfolg wusste Bernays nun definitiv, dass es möglich war, Menschen zu veranlassen, sich irrational zu verhalten, indem man Produkte an ihre Gefühle, ihre emotionalen Wünsche und Bedürfnisse band. Produkte werden nicht an den Intellekt verkauft, sondern an das Gefühl: Du brauchst das neue Kleid oder Auto nicht – aber du fühlst dich besser, wenn du es kaufst! Mit dieser emotionalen Verknüpfung schuf Bernays den neuen Konsumenten-Typ.

Die Ideen Bernays faszinierten die amerikanischen Konzerne, die seit geraumer Zeit die Furcht umtrieb, dass das System der Massenproduktion über kurz oder lang zu einer Überproduktion führen würde, sobald der Punkt erreicht war, an dem alle Bedürfnisse der Menschen nach Kühlschränken, Fernsehern und Autos etc. befriedigt wären und sie einfach aufhören würden zu kaufen.

Bis zu dem Zeitpunkt hatte man die meisten Produkte auf der Basis von Notwendigkeit verkauft, in der Werbung wurden ihre Funktionen oder ihre Langlebigkeit herausgestellt, aber nun realisierten die großen Firmen, dass sie die Art, wie Menschen Waren betrachteten, verändern mussten.

Einer der damals führenden Wall Street Banker, Paul Mazer, schrieb: „Wir müssen Amerika von einer Kultur der Notwendigkeiten zu einer der Wünsche verändern. Den Menschen muss beigebracht werden etwas zu begehren, neue Dinge haben zu wollen, noch bevor die alten vollständig verbraucht sind. Wir müssen eine neue Mentalität in Amerika formen, in der die Wünsche der Menschen ihre Notwendigkeiten überlagern.“

Für diesen Umformungsprozess, der Mazers Vision folgend die Massen dazu bringen sollte, Dinge zu kaufen, die sie nicht brauchten, aber wollten, lieferte Bernays die psychologischen Theorien, denn er wusste besser als jeder andere, wie man die Massen beeinflussen konnte und den menschlichen Geist motiviert. Sein Job war es, den neuen Konsumententyp „herzustellen“. Und so entwickelte er in den 20er Jahren die meisten Techniken der Massenkonsumenten-Manipulation, mit denen wir bis heute leben.

Autos als Symbole männlicher Sexualität

Auch der Verleger William R. Hearst engagierte ihn, um ein neues Frauenmagazin zu promoten. Bernay verlieh ihm einen besonderen Zauber, indem er Artikel und Werbung platzierte, die Produkte seiner anderen Kunden in Verbindung mit berühmten Filmstars zeigten. Er begann mit Product Placement in Filmen und stattete Stars mit Kleidern und Juwelen der Firmen aus, die er repräsentierte. Er war auch der erste, der Autoherstellern empfahl, Autos als Symbole männlicher Sexualität zu verkaufen. Außerdem engagierte er Psychologen, die Gutachten erstellten, in denen sie bestimmte Produkte als besonders gut empfahlen, behauptete aber, dies seien unabhängige Studien.

Er organisierte Modeschauen in Kaufhäusern und bezahlte Prominente dafür, dass sie die grundlegende Botschaft wiederholten: „Ihr kauft Dinge nicht, weil ihr sie braucht, sondern um eure Individualität auszudrücken!“ 1927 schrieb ein amerikanischer Journalist: „In unserer Demokratie hat eine Veränderung stattgefunden und sie heißt Konsum. Die erste Priorität eines Amerikaners für sein Land ist nicht mehr, ein Bürger zu sein, sondern ein Konsument!“ Edward Bernays wurde berühmt als der Mann, der die Köpfe der Massen verstand und wusste, wie man sie erfolgreich ansprach.

1929 kam mit Herbert C. Hoover ein Präsident an die Macht, der mit Bernays Ideen völlig übereinstimmte. Er war der erste Politiker, der den Gedanken aussprach, die Konsumenten seien der zentrale Motor des amerikanischen Lebens geworden. Nach seiner Wahl sagte er zu einer Gruppe von Werbe- und PR-Leuten: Sie haben den Job übernommen, Wünsche zu wecken und so Menschen in bewegliche Glücksmaschinen zu verwandeln, Maschinen, die der Schlüssel für wirtschaftlichen Fortschritt geworden sind.

Diese Konsumenten hielten nicht nur die Wirtschaft am Laufen, sondern waren auch etwas schläfrig, was zur Stabilität der Gesellschaft beitrug. Ann Bernays, die Tochter von Edward Bernays, sagte dazu später in einem Interview: „Für meinen Vater war Demokratie ein wunderbares Konzept, aber er glaubte nicht, dass alle Menschen ein verlässliches Urteil hatten und daher leicht verführt werden konnten, den falschen Mann oder überhaupt das Falsche zu wählen; also mussten sie von oben geführt werden.“

Die Psyche betäuben, um Machtverhältnisse zu erhalten

Der PR-Historiker Steward Ewen bemerkt kritisch: „Bernays Konzept der Massen-Führung macht aus der Idee der Demokratie ein Betäubungsmittel, indem er den Menschen eine Wohlfühl-Medizin gibt, die bei jedem unmittelbaren Verlangen und jedem Schmerz eingesetzt werden kann, ohne dass die objektiven Gegebenheiten dabei auch nur ein Jota verändert werden. Kern der Idee von Demokratie war ursprünglich, die Machtverhältnisse zu ändern, die die Welt so lange bestimmt hatten. Bernays Vorstellung von Demokratie war jedoch, die Machtverhältnisse zu erhalten, selbst wenn dies bedeutete, die Psyche des Volkes zu stimulieren, und seiner Meinung nach war es das, was nötig war. Aber wenn man die irrationalen Kräfte ständig stimuliert, kann die Führung im Prinzip fortfahren zu tun, was sie will!“

Bernays wurde eine der bekanntesten Persönlichkeiten der amerikanischen Gesellschaft und wurde außerordentlich reich. Zu seinen Soireen kamen alle: der Bürgermeister, führende Medienleute, Politiker, Unternehmer und Künstler – es war ein Who is Who. Alle wollten Bernays kennenlernen, weil er eine Art Magier war, der die erstaunlichsten Dinge geschehen lassen konnte.

Seine Machtposition wurde jedoch kurzfristig durch eine menschliche Irrationalität zerstört, gegen die er machtlos war: den Börsen-Crash von 1929. Der Effekt auf die Wirtschaft war verheerend: Angesichts von Rezession und Arbeitslosigkeit hörten Millionen von Amerikanern auf, Dinge zu kaufen, die sie nicht brauchten. Bernays, seine Sicht des Konsumenten und der PR-Beruf als solcher wurden unpopulär.  Die Krise schwappte auch zu den jungen Demokratien Deutschland und Österreich, wo sich bewaffnete Anhänger der verschiedenen politischen Parteien Straßenschlachten lieferten.

Vor diesem Hintergrund schrieb der krebskranke Freud sein Buch „Das Unbehagen in der Kultur“ – eine heftige Attacke gegen die Idee, dass Zivilisation ein Ausdruck menschlicher Entwicklung sei. Vielmehr, so argumentierte er, sei sie notwendig, um die gefährlichen triebhaften Kräfte, die in jedem Menschen schlummern, zu kontrollieren.

Irrationale Triebkräfte durch Konsum besänftigen

Das bedeutete eigentlich, dass das Ideal der individuellen Freiheit, das Herzstück der Demokratie, unmöglich war. Man konnte den Menschen also nicht erlauben, sich wirklich frei zu äußern, weil dies zu gefährlich war. Sie mussten ständig kontrolliert werden und somit unzufrieden bleiben, denn dies war die einzige Möglichkeit war, ihnen Grenzen zu setzen.

Auch die Nationalsozialisten waren davon überzeugt, dass Demokratie gefährlich sei, weil sie selbstsüchtigen Individualismus freisetze. Mit straff organisierter Freizeit und Massenveranstaltungen wurden die Gefühle und Wünsche der Menschen daher kanalisiert und in fanatische Hingabe für ihr Land und dessen „Führer“ umgewandelt.

Eine seiner Inspirationen, erzählte Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels amerikanischen Journalisten, seien die Schriften von Freuds Neffen Edward Bernay gewesen! Die Nazis förderten die von Bernays und Freud beschriebenen unbewußten Begierden und dunklen Triebkräfte absichtlich, weil sie glaubten, sie könnten sie beherrschen. Bei Aufmärschen Hitlers, wenn die Massen plötzlich „Sieg Heil!“ skandierten konnte man das eruptive Aufbrechen dieser irrationalen Kräfte beobachten.

Auch in den USA war die Demokratie gefährdet, weil eine aufgebrachte Bevölkerung ihre Wut über Massenarbeitslosigkeit und Verarmung gegenüber den Aktiengesellschaften entlud, die sie als Verursacher des Desasters betrachteten. Als Franklin D. Roosevelt 1933 – auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise – als neuer Präsident gewählt wurde, trat er mit dem erklärten Ziel an, die Demokratie wieder zu stärken. Seiner Überzeugung nach hatte der Börsencrash deutlich gezeigt, dass der Laisser-Faire-Kapitalismus moderne Industriegesellschaften nicht länger lenken dürfe, sondern dass dies vielmehr die Aufgabe von Regierungen war. Die Großunternehmen waren entsetzt.

Unter dem Schlagwort „New Deal“ führte er einschneidende Wirtschafts- und Sozialreformen ein und kurbelte mit massiven staatlichen Investitionen die Binnenkonjunktur an, um Massenarbeitslosigkeit und Armut zu lindern. Er glaubte, dass die Menschen vernunftbegabt seien und man ihnen zutrauen könne, einen aktiven Part in der Politik zu übernehmen, indem man ihre Meinung mit einbezog.

Gemeinschaftsgefühl als Gegenmittel zur Macht der Großkonzerne

Unterstützt wurde er dabei von George Gallup, dem Pionier der Markt- und Meinungsforschung. Gallups regelmäßige Meinungsumfragen („Was denkt das Land?“) vermittelten ein kontinuierliches Bild davon, wie zufrieden oder unzufrieden die Bürger mit der politischen Führung waren, was sie billigten und was sie ablehnten. Anders als Bernays glaubte Gallup nicht, daß Menschen unbewussten Kräften ausgesetzt seien, sondern war überzeugt davon, dass sie wussten, was sie wollten und vernünftige Entscheidungen trafen, wenn man ihnen sachliche Fragen stellte und darauf verzichtete, ihre Gefühle zu manipulieren.

Diese Umfragen gaben der Demokratie die Chance, über die öffentliche Meinung genau informiert zu sein, indem sie jedem eine Stimme gaben, die auch gehört wurde. So schuf Roosevelt eine völlig neue Verbindung zwischen Volk und Politik. Berühmt wurde seine Rede, die mit den Worten anfing: „Es ist meine feste Überzeugung, dass das einzige, was wir zu fürchten haben, die Furcht selbst ist.“ Er sah und behandelte Menschen nicht als isolierte und manipulierbare Individuen, sondern lenkte ihr Augenmerk darauf, daß sie gemeinsame Ziele und Interessen mit anderen hatten, und daß dieser Zusammenhalt ihnen helfen würde, sich über ihre persönlichen Ängste zu erheben.

Roosevelts Ziel war es, soziale Gerechtigkeit und darüber hinaus ein Gemeinschaftsgefühl zwischen den Menschen zu schaffen, welches ein Gegengewicht zur Macht der Großkonzerne darstellen konnte. Bei seiner Wiederwahl 1937 versprach er weitere Kontrolle der Großunternehmen, was diese als „Eingriff in privates Unternehmertum“ und „Beginn einer Diktatur“ bezeichneten. Sie beschlossen zurückzuschlagen und einen ideologischen Krieg gegen Roosevelts New Deal zu führen, um ihre Macht wiederzuerlangen.

Der PR-Historiker Steward Ewen: „Unter der Schirmherrschaft der National Association of Manufacturers, deren Mitglieder alle großen Aktiengesellschaften waren, wurde eine Kampagne gestartet. Sie sollte emotionale Bindungen zwischen der Öffentlichkeit und den Großunternehmen herztellen – wobei Edward Bernays PR-Techniken voll zum Einsatz kamen.“

PR-Strategie zur Verknüpfung von Demokratie mit Kapitalismus

Die Kampagne zeigte drastisch, dass es die Unternehmen und nicht die Politiker waren, die das moderne Amerika geschaffen hatten. Beispielsweise mit Filmen wie der General Motors-Produktion „Parade of Progress“, in der die faszinierende Geschichte der modernen Industrie gezeigt wurde. Bernay war Berater von GM, aber er war nicht mehr der Einzige, die Branche, die er gegründet hatte, blühte, als Hunderte von PR-Beratern die Kampagne organisierten. Sie setzten nicht nur Anzeigen und Plakate ein, sondern schafften es, ihre Botschaft bis in die Leitartikel der Zeitungen zu lancieren.

Als Reaktion darauf ließ die amerikanische Regierung Filme herstellen, in denen sie die skrupellose Manipulation der Presse durch die Großunternehmen anprangerte. Dabei nahm sie besonders deren Handlanger, die neue Berufssparte der PR-Manager aufs Korn: „Sie versuchen ihre Ziele zu erreichen, indem sie total im Hintergrund operieren und so die Öffentlichkeit täuschen und korrumpieren. Die Ziele dieser Leute mögen gut oder schlecht sein, aber ihre Methoden sind vom öffentlichen Interesse her gesehen eine große Gefahr für demokratische Institutionen.“

Im Jahre 1939 fand in New York die Weltausstellung statt, für die Bernays zentraler Berater war. Er bestand darauf, dass das Thema die Verbindung zwischen Demokratie und amerikanischer Wirtschaft sein müsse. In GMs „Futurama“ wurden die Zukunft und der technologische Fortschritt in faszinierenden Bildern verherrlicht und Wohlstand, Überfluss und Bequemlichkeit in einer ständig wachsenden, immer größer und besser werdenden Welt von Morgen versprochen.

„Für meinen Vater war die Weltausstellung eine Chance, den Status Quo aufrechtzuerhalten: die enge Verbindung zwischen Demokratie und Kapitalismus“, sagt Ann Bernays. „Er tat dies, indem er Menschen manipulierte und ihnen einredete, dass sie keine wirkliche Demokratie in irgendetwas anderem als in einer kapitalistischen Gesellschaft haben konnten. Eine Gesellschaft, die in der Lage war, einfach alles zu machen – diese wunderbaren Autobahnen zu bauen, bewegte Bilder in jedes Haus zu bringen oder Telefone zu erfinden, die keine Schnur brauchten. Es war konsumistisch, aber gleichzeitig gingen Demokratie und Kapitalismus auf leichte Weise eine Verbindung ein.“

Die  Weltausstellung war ein außerordentlicher Erfolg, sie begeisterte die Amerikaner und nahm ihre Vorstellungskraft gefangen, denn sie transportierte die Vision einer neuen Form der Demokratie, in der die Unternehmen auf die innersten Wünsche der Menschen in einer Weise eingingen, wie es Politiker nie tun konnten. Aber es war eine Demokratie, in der die Menschen nicht mehr als aktive Bürger behandelt wurden, wie Roosevelt es tat, sondern als passive Konsumenten. Nicht die Menschen, sondern ihre Wünsche sind entscheidend.

Getrieben von irrationalen Kräften

„Unter diesen Umständen haben die Menschen keinerlei Entscheidungsmacht“, so der PR-Historiker Steward Ewen. „Auf diese Weise wird Demokratie, die eigentlich einen aktiven Bürger voraussetzt, auf eine Öffentlichkeit von passiven Konsumenten reduziert, die in erster Linie von ihren instinkthaften, unbewussten Wünschen getrieben wird. Und wenn es einem gelingt, diese Wünsche auszulösen, kann man mit ihnen alles machen, was man will.“

Der Kampf dieser beiden Sichtweisen – ob Menschen vernünftig oder unvernünftig sind – wurde schließlich ganz maßgeblich durch die Ereignisse in Europa beeinflusst. Der Zweite Weltkrieg, vor allem der massenhafte Hass der Bevölkerung auf die Juden, den das Nazi-Regime in Deutschland ausgelöst hatte, veränderte die Art und Weise, wie amerikanische Politiker Demokratie betrachteten fundamental.

Jetzt waren sie überzeugt davon, dass Freud recht hatte. Verborgen unter der Oberfläche schlummerten offenbar in allen Menschen gefährliche, wilde Kräfte, die kontrolliert werden mussten. Die Konzentrationslager legten ein schreckliches Zeugnis davon ab, was passierte, wenn man diese Kräfte entfesselte. Da sie davon ausgingen, dass in ihrer eigenen Bevölkerung dieselben verborgenen Kräfte lagen, wandten sich Politiker und Planer den Theorien Freuds und seiner Familie zu. Sigmund Freud war bereits 1939 in London gestorben, aber seine Tochter Anna wurde in den Staaten sehr populär, weil sie glaubte, man könne den Menschen beibringen, ihre irrationalen Kräfte zu kontrollieren. Der anpassungsfähige Edward Bernay arbeitete inzwischen für den CIA.

Ihre Ideen wurden von der US-Regierung, den Großunternehmen und der CIA verwendet. Sie entwickelten umfangreiche Programme, um das psychologische Leben der Massen zu beeinflussen, denn dies, so glaubten sie, sei der einzige Weg zu einer funktionierenden Demokratie und einer stabilen Gesellschaft.

Konsumenten auf der Couch

Die Unternehmen warben für die Idee, dass der Befriedigung individueller Wünsche und Gefühle oberste Priorität eingeräumt werden müsse und sie entwickelten auf Basis der Theorie Freuds eine Reihe von Techniken, um die innersten Wünsche und Vorlieben der Menschen zu eruieren und mit entsprechenden Produkten zu befriedigen.

Stuart Ewen: „Die Strategie, die Bernays ihnen dafür anbot, war, dass die Leute ein Produkt nicht so sehr als etwas ansehen sollten, was sie für bestimmte Zwecke brauchten, sondern als etwas, was ihnen gut tue und ihren tiefsten emotionalen Sehnsüchten entspreche. Also wie dieses Seifenstück sie zu einer glücklicheren, erfolgreicheren, stärkeren, sexuell attraktiveren und weniger ängstlichen Person macht, zu jemand, den man bewundert. Die mächtigsten Menschen dieser Welt sind diejenigen, die das Volk in dieser Hinsicht verstehen können und ihm das geben, was es will.“

Und so entstand in den letzten Jahrzehnten eine gewaltige Industrie, die sich der Erforschung von Konsumentenwünschen widmete. In analytisch orientierten „Focus-Gruppen“ wurden die Konsumenten wie Patienten auf der Couch eines Analytikers dazu ermutigt, ihre innersten Gefühle und Bedürfnisse auszusprechen. Diese Informationen wurden dann zur Entwicklung neuer Produkte genutzt, die diese Bedürfnisse erfüllen sollten. Bernays war der Gründungsvater dieser bunten Marketingwelt, deren Credo lautete: Finde heraus, was die Leute wollen und verkaufe es ihnen!

Bei ihren Studien in den Focus-Gruppen begannen Marketingforscher Anfang der 80er Jahre einen neuen Individualismus zu entdecken. Die Menschen wollten nicht mehr nur als Teil einer sozialen Schicht gesehen werden, sondern suchten nach stärkerem Selbstausdruck – nach dem Motto: „Ich möchte nicht so sein wie jeder andere, ich möchte anders sein, ein kleines bisschen individueller“ – und eine entscheidende Rolle dafür spielten die Produkte, die sie kauften.

Individualismus –  ein schlaues Marketing-Concept

So entstanden neue Zielgruppendefinitionen und vor allem viele neue Markenprodukte, um diese vermeintliche „Individualität“ auszudrücken, die in Wahrheit nichts anderes als ein neuer Mainstream war und ist. In den späten 80er Jahren feierten die Wünsche des Individuums wahre Triumphe. Hedonismus hieß der neue Trend, und die Konsumenten wurden von Werbung und Medien darin bestärkt, die Befriedigung ihrer persönlichen Bedürfnisse als vorrangige Priorität zu betrachten.

Für manch einen mag dies nach einer perfekten Welt aussehen. Jeder kann tun, wozu er Lust hat und kaufen, was er will. Tatsächlich aber hat man uns darauf konditioniert, einen Großteil unserer Zeit und Aufmerksamkeit eigentlich unwichtigen Dingen zu schenken – Zeit, die wir besser für eine kreative und sinnvolle Gestaltung des eigenen Lebens oder, je nach Gemütslage, für die Verbesserung der Lebensbedingungen anderer, egal wo auf dem Globus, nutzen könnten. Zeit, die wir auf ganz einfache und ursprüngliche Weise mit Freunden verbringen, ohne dass sich zwischen uns und die anderen immer ein Konsumerlebnis oder –zwang schiebt. Reden, Lachen, Spielen, Tanzen!

Hedonistische Rücksichtslosigkeit dagegen zersetzt das Gemeinschaftsgefühl und löst soziale Bindungen auf. Vor allem aber werden durch die unentwegte Erzeugung von Pseudo-Bedürfnissen und den medialen Appell, sie ununterbrochen zu befriedigen, die selbstsüchtigen und gierigen Anteile der menschlichen Natur massiv verstärkt.

Wenn wir die grassierende Gier beklagen und unseren Konsum wirklich zurückschrauben wollen, müssen wir aufhören, unsere Wünsche und Bedürfnisse manipulieren zu lassen. Wir müssen also von selbstverliebten Ichlingen, die für jede Werbe-Schmeichelei anfällig sind, wieder zu aufmerksamen Bürgern und sozial denkenden Mitmenschen werden, von narkotisierten Konsumsklaven, die sich jeden Tand oder Trend verkaufen lassen, egal wie unnötig oder absurd er ist, zu bewussten Verbrauchern werden. Wir müssen endlich aufwachen!